Professionelles Arbeiten mit Vinyl während der Digitalisierung

Professionelles Arbeiten mit Vinyl während der Digitalisierung

Under­dog Records ist ein Köl­ner Plat­ten­la­den, der schon einige Jahre exis­tiert und den der inter­es­sierte Vinyl­käu­fer unweit des rie­si­gen Saturns am Han­sa­ring vor­fin­den kann. Schwer­punkt­mä­ßig führt der Laden Gitar­ren­mu­sik aus allen Jahr­zehn­ten, vor­nehm­lich aus dem Punk- und Hardcore-Bereich.

Nach­dem ich selbst 2001 nach Köln gezo­gen bin, war der Han­sa­ring eine ganze Zeit lang so etwas wie mein per­sön­li­ches Eldo­rado. Ich glaube, neben dem Under­dog exis­tier­ten min­des­tens drei wei­tere Plat­ten­lä­den in Stein­wurf­nähe, der Saturn hatte eine ganze Weile auch einen Plat­ten­kel­ler und wei­ter­hin konnte man dort natür­lich DVDs kau­fen und ein Comi­cla­den war oder nein, ist dort sogar noch in der sel­ben Straße. Komi­scher­weise war die­ser nie »mei­ner« – was wohl vor allem daran lag, dass ich an die Ecke Han­sa­ring jah­re­lang immer mit dem Vor­ha­ben gefah­ren bin, Plat­ten zu kau­fen und egal in wel­cher finan­zi­el­len Situa­tion man gerade ist, hat man doch im Monat immer nur ein begrenz­tes Bud­get für seine ana­lo­gen Hob­bys und das ging an der Ecke dann doch immer für Vinyl drauf. Außer­dem befin­det sich eins der schöns­ten Pro­gramm­ki­nos Kölns auch nur eine Straße weiter.

Ich habe mich immer gefragt, ob es Fluch oder Segen wäre, an die­ser Ecke zu woh­nen. Eine Ant­wort habe ich nie gefun­den, aber auch nie ernst­haft gesucht, da es mir in Köln Ehren­feld, ganz ohne Plat­ten­la­den, ein­fach am bes­ten gefällt.

Hoffi beim alltäglichen Arbeiten mit Vinyl

Hoffi beim all­täg­li­chen Arbei­ten mit Vinyl

Anders als Lars »Hoffi« Hoff­mann, dem die Ecke anschei­nend so gut gefal­len hat, dass er hier die Eck­pfei­ler zumin­dest sei­ner beruf­li­chen Exis­tenz ein­ge­schla­gen hat.…..

Wie ist das denn damals genau gekom­men, dass dein Hobby zum Beruf wurde?

Und wie wurde das Hobby zum Hobby? Erin­nerst du dich noch an deine erste Platte?

Genau, das stellte sich bei mir auch ähn­lich dar. Meine ers­ten Vinyl­käufe als Teen­ager ent­stammte aller­dings nicht dem Metal-Genre, son­dern bei mir waren es Hip-Hop-Platten. Als ich dann die­sen Bereich ver­ließ und mich Gitar­ren­mu­sik zuwandte, kam gerade die CD auf und für ein paar Jahre gibt es ein gro­ßes Leck in mei­nem Plat­ten­re­gal. Irgend­wann fand ich dann aber doch auch wie­der zum Vinyl zurück.

Irgend­was scheint ja beim Vinyl anders zu sein, im Gegen­satz zu einer CD oder einem MP3 – wo besteht denn da für dich der Unterschied?

Blick an der Theke vorbei in den Verkaufsraum des Underdog

Blick an der Theke vor­bei in den Ver­kaufs­raum des Underdog

Diese phy­si­schen, hap­ti­schen Eigen­schaf­ten des Vinyl und der unfass­bar große, nicht-körperliche Umfang (mir zeigt iTu­nes aktu­ell 24.724 Titel mit 217,17 GB an, für die ich 74,8 Tage bräuchte um sie mir anzu­hö­ren) und die damit ein­her­ge­hende Belie­big­keit der Musik­da­teien auf dem Rech­ner, las­sen doch häu­fig eine recht große Dis­kre­panz entstehen.

Wie stellt sich denn diese Lei­den­schaft nun in dei­nem Berufs­all­tag dar?

Es ist also wirk­lich in der Pra­xis und im Klei­nen zu beob­ach­ten, dass ana­lo­ger Musik­kon­sum bei bestimm­ten Grup­pen jün­ge­ren Alters auch wie­der an Wich­tig­keit gewinnt. Trotz neuer Kun­den, die die Schall­platte wie­der ent­de­cken, ist diese aber als Pro­dukt, mit dem man Geld ver­die­nen muss, in den letz­ten 20 Jah­ren nicht unbe­dingt eine sichere Geschichte gewesen.

Unab­hän­gig davon stellt sich für Ein­zel­händ­ler wie Vinyl- oder Comic-Verkäufer immer die Frage: Wie voll will man sei­nen Laden haben, wie viel Bestand den Kun­den offe­rie­ren, ohne dass die Ein­nah­men am Monats­ende zu spär­lich aus­fal­len? Der Ver­käu­fer muss, genau wie jeder andere im Ein­zel­han­del auch, seine Miete, Ein­käufe und sons­tige Fix­kos­ten bestrei­ten – und am Ende auch noch was zum Leben haben.

Wo liegt denn hier­bei die Krux, wie erwirkt man bei die­sem Spa­gat die best­mög­li­che finan­zi­elle Standfestigkeit?

Vinyl, Partys, Konzerte und Label — viel zu tun, auch am Computer

Vinyl, Par­tys, Kon­zerte und Label — viel zu tun, auch am Computer

Ein zwei­tes Stand­bein erleich­tert das Zah­len der Rech­nun­gen und hält wei­ter­hin den Spaß­fak­tor hoch, da man so nicht nur sei­nen Plattenladen-Mikrokosmos sechs Tage die Woche um die Ohren hat, son­dern auch noch etwas ande­res sieht. Ähn­lich wie beim Comi­cla­den Djinn der Gastro-Bereich funk­tio­niert, so hat Hoffi noch diverse Par­ty­rei­hen bezie­hungs­weise DJ-»Auftritte« an der Hand – außer­dem gehört zum Under­dog auch noch das Plat­ten­la­bel DEFIANCE RECORDS, und neben den Par­ty­rei­hen wer­den auch Kon­zerte organisiert.

Mitt­ler­weile gibt es einen recht sta­bi­len, wenn auch klei­nen Markt an Plat­ten­käu­fern. Dies war ja aber nicht immer so. Gab es denn mal Zei­ten, in denen du Sorge haben muss­test, dass es mit dem Vinyl als Ver­kaufs­ge­gen­stand total den Bach run­ter geht?

Aus­wir­kun­gen hat­ten die Ver­schie­bun­gen in der Ton­trä­ger­in­dus­trie also vor allem auf das Label, hier steht mitt­ler­weile mehr oder weni­ger allein die Her­zens­an­ge­le­gen­heit im Fokus.

Hat sich denn bei dem Label etwas in Hin­blick auf die Ton­trä­ger geän­dert, auf denen ihr die Bands veröffentlicht?

Wer­tig­keit und eine ver­mit­telte Liebe zum eige­nen Pro­dukt durch Gestal­tung und Mehr­wert (Text- oder sons­tige Bei­la­gen) einer »Ver­pa­ckung« schei­nen beim Kun­den nach wie vor auf Gegen­liebe zu tref­fen. Da das ange­spro­chene Zug­pferd Por­tu­gal. The Man nicht nur feine Musik macht, son­dern sich bei dem Song Guns and Dogs auch noch ein wun­der­voll auf altes Film­ma­te­rial getrimm­tes Video bas­teln las­sen hat, die­ses kurz anbei:

Por­tu­gal. The Man – Guns and Dogs von Por­tu­gal­them­an­band auf YouTube

Es ist manch­mal schon frus­trie­rend, beim Kauf eines phy­si­schen Ton­trä­gers nur eine lieb­lose Hülle gebo­ten zu bekom­men – das kann sowohl bei CDs als aber auch Vinyl pas­sie­ren. Mehr Liebe zum Detail bedeu­tet natür­lich meist zumin­dest gering­fü­gig erhöhte Kos­ten in der Her­stel­lung, aber das muss nicht immer der Fall sein. Gerade in gewis­sen Berei­chen der Gitar­ren­mu­sik (Hardcore/Punk/Indie) wurde und wird teil­weise noch immer viel Wert auf lie­be­voll design­tes Vinyl gelegt, ohne dass dafür große Geld­sum­men inves­tiert wor­den wären, geschwie­gen denn hät­ten inves­tiert wer­den kön­nen. Man machte die Dinge ein­fach selbst. Dies hatte mit dem soge­nann­ten »Do it yourself«-Gedanken zu tun, der sich in den 1950er Jah­ren ent­wi­ckelte und in ver­schie­de­nen For­men und Berei­chen Ein­zug hielt. In dem hier ange­spro­che­nen musi­ka­li­schen Kon­text bedeu­tete es fol­gen­des:

Der Begriff Indie als Genre-Kennzeichnung im Plattenregal

Der Begriff Indie als Genre-Kennzeichnung im Plattenregal

DIY - Sel­ber machen - ist der Aus­gangs­punkt von Inde­pen­dent­mu­sik (als die seman­ti­sche Bedeu­tung, also ‚unab­hän­gig’ noch im Zen­trum stand und es noch kein Gen­re­be­griff für eine bestimmte Art von Gitar­ren­pop gewor­den war): völ­lig unab­hän­gig arbei­ten, sich eigene Netz­werke erschaf­fen und erfin­den. Ange­fan­gen beim Auf­neh­men und Pro­du­zie­ren von Musik über das Gestal­ten und Dru­cken der Cover bis zum Ver­trieb der Ton­trä­ger über alter­na­tive Ver­triebs­wege (Fan­zines, Mail­or­der, Kon­zerte usw.).

Eini­ges von dem was ursprüng­lich und teil­weise auch gegen­wär­tig mit dem Under­dog und Hoffi im Zusam­men­hang steht.

Wie ist es denn, unab­hän­gig vom Cover und dem sons­ti­gen Design, mit den Her­stel­lungs­prei­sen beim eigent­li­chen Ton­trä­ger, dem Vinyl, heutzutage?

Was viel­leicht ver­wun­dern kann, ist der Fakt, dass in den Gitarrenmusik-Kreisen sowohl bei Käu­fern, als auch Bands oder Ver­käu­fern und Labels, das Vinyl so hoch gehal­ten wird.

Im Nor­mal­fall wird ja immer im Zusam­men­hang mit Schall­plat­ten an die Musik­rich­tun­gen Hip-Hop oder Elek­tro gedacht, oder?

Vinyl­kul­tur ist in ande­ren Gen­res ebenso wich­tig gewe­sen und in der Gegen­wart viel­leicht sogar wich­ti­ger als in den ange­spro­che­nen Bereichen.

Wie ist das denn heute im Gitarren-Bereich?

CDs auch bildlich nur noch in einer Ecke des Ladens

CDs auch bild­lich nur noch in einer Ecke des Ladens

Das weit ver­brei­tete Vor­ur­teil, dass es das Vinyl noch gibt, weil DJs exis­tie­ren, die damit auf­le­gen, ist wohl über­holt. Wie Prof. Dr. Föll­mer schon für sich und den eige­nen Pri­vat­be­reich fest­hielt, scheint auch beim Auf­le­gen die Prag­ma­tik gesiegt zu haben. Es sind mitt­ler­weile eher die Samm­ler und Lieb­ha­ber, die sich ein Album zu Hause ins Regal stel­len wol­len, um es dort, auf dem eige­nen Plat­ten­spie­ler, von vorne bis hin­ten durchzuhören.

Wor­über im Zuge der Digi­ta­li­sie­rung auch häu­fig gespro­chen wird, ist die Annahme, dass es irgend­wann (man­che sagen schon bald) die Ver­öf­fent­li­chungs­form des Albums nicht mehr (oder kaum noch) geben könnte. Musik wird durch digi­tale Dateien gestü­ckelt und in die­sen Stü­cken dann auch häu­fig nur von Download-Plattformen heruntergeladen.

Wie denkst du denn, dass es in Zukunft mit dem Album aus­se­hen wird? Wird es so etwas wie Kon­zept­al­ben noch geben? Und wie wer­den die Digi­tal Nati­ves das alles handhaben?

Mit der CD (und nicht zu ver­ges­sen: eigent­lich auch der Kas­sette) hat das Vinyl auf jeden Fall schon einen Wett­be­wer­ber abge­wehrt, der ziem­lich pro­mi­nent ver­sucht wurde auf dem Markt zu plat­zie­ren und zu posi­tio­nie­ren. Aber selbst wenn man sich nur auf Schall­plat­ten kon­zen­triert, gibt es für einen Plat­ten­la­den Kon­kur­ren­ten. Viele kau­fen mitt­ler­weile ihren Kram im Netz. Ama­zon und Ebay bie­ten Vinyl in Hülle und Fülle an und haben zusätz­lich einer­seits häu­fig einen Ein­kaufs­vor­teil und ande­rer­seits die Bequem­lich­keit von Men­schen auf ihrer Seite. Auch wenn ich diese Vor­teile als Kunde durch­aus zu schät­zen weiß, finde ich, dass es man­nig­fal­tige Gründe dafür gibt, bestimmte Sachen nach wie vor in einem Laden um die Ecke zu kaufen.

Wie sieht das denn bei dir damit aus, viel­leicht auch aus der Sicht eines Käufers/Kunden?

Tja, das »Sup­port your local record store«-Motto beher­zi­gen viele lei­der nicht, je nach Gesichts­punkt oder Schwer­punkt ver­ständ­lich oder eben nicht nach­voll­zieh­bar. Damon Albarn beschreibt das Spe­zi­elle und nicht zu Erset­zende eines Plat­ten­la­dens ein­drück­lich:

Platten in Hülle und Fülle

Plat­ten in Hülle und Fülle

»My local inde­pen­dent record shop (Honest Jons) is a library, where you can go to lis­ten to music, learn about it, exch­ange ideas about it and be inspi­red by it. I think inde­pen­dent record shops will out­live the music indus­try as we know it because long term their value to people is far grea­ter, because even in our era of file-sharing and blogs, you cant replace the actual look on someone’s face when they are play­ing some­thing they really rate and think you should lis­ten to it too. It’s special.«

Es wäre nicht nur schön, son­dern auch wich­tig, wenn genü­gend Men­schen, die sich diese Hob­bys (funk­tio­niert in die­ser Hin­sicht ana­log mit dem Bereich Comics) tei­len und finan­zie­ren kön­nen, eine sol­che Ein­stel­lung ver­tre­ten. Sonst schlie­ßen nach und nach diese kul­tu­rel­len Insti­tu­tio­nen (hierzu ana­log auch Pro­gramm­ki­nos) ihre Pfor­ten und man merkt erst hin­ter­her, was einem fehlt. Einem Nach­barn von Hoffi, dem Laden Nor­mal, erging es lei­der genau so.

Es ist schon schade, wenn man sich eigent­lich quasi gegen­sei­tig hel­fen kann und eine Lei­den­schaft teilt und dann sich wegen ein paar Euros oder der eige­nen Faul­heit nicht auf­rafft. Was denkst du denn dazu und wie wird der Under­dog gegen so etwas auf lange Zeit gefeit sein?

Und zu guter Letzt ein klei­ner Film über den all­wis­sen­den Plat­ten­la­den­be­sit­zer und einen »Blast from the past«:

Do people still lis­ten to vinyl records? von Strugg­ling­Ti­ger auf YouTube

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