Medienumbrüche im Kino

Medienumbrüche im Kino

Seit 100 Jah­ren lau­fen jetzt schon Vor­stel­lun­gen in Kino­sä­len – schwarz/weiß, ohne Ton, in Farbe, mit Dolby Ste­reo, in THX-Qua­li­tät, 3D oder Dolby digi­tal. Dass das so ist, wird sich auch in Zukunft mit an Sicher­heit gren­zen­der Wahr­schein­lich­keit nicht ändern. Die »Vor­führ­zim­mer« der Film­kunst blei­ben im Ide­al­fall erhal­ten und nur tem­po­rär wäh­rend einer Vor­stel­lung geschlos­sen – trotz viel­fäl­ti­ger Ver­än­de­run­gen, die sich durch die Digi­ta­li­sie­rung bereits erge­ben haben und in Zukunft noch erge­ben wer­den. Diese rei­chen von der Film­pro­duk­tion über den Kon­sum bis zur Vor­füh­rung – und alle Drei ste­hen in einem direk­ten Verhältnis.

Bei der Pro­duk­tion fan­gen die Ver­än­de­run­gen bei der Auf­nahme an. Die alt­be­währ­ten 16mm- und 35mm- Kame­ras, die jahr­zehn­te­lang mit Zel­luoid- und Sicher­heits-Film lie­fen und auf die­sen auf­nah­men, wer­den seit 2007 zuneh­mend durch digi­tale Film­ka­me­ras ersetzt, die das Gedrehte dann in den bekann­ten Bits und Bytes auf­neh­men. In der Post­pro­duk­tion wird schon län­ger und mitt­ler­weile eigent­lich aus­schließ­lich digi­tal an Com­pu­tern gear­bei­tet, der ana­loge Schnitt mit­tels MAZ-Maschine und Bild­misch­pult ist voll­ends verschwunden.
Was das Kon­su­mie­ren anbe­langt, so hat sich grund­sätz­lich nicht allzu viel geän­dert. Ist man an einem Film inter­es­siert, so kann man ent­we­der ins Kino gehen (neu: bei man­chen Fil­men zwi­schen 3D und »nor­mal« wäh­len), war­ten bis der Film in den Ver­leih und den Ver­kauf kommt oder sich bis zur Fern­sehaus­strah­lung gedul­den. Was es vor der Digi­ta­li­sie­rung nicht gab, sind (ille­gale) Mög­lich­kei­ten Filme schon nach deren Erst­aus­strah­lung im Kino im Inter­net zu schauen oder her­un­ter­zu­la­den. Als Medi­en­trä­ger fin­den im pri­va­ten Umfeld vor allem DVDs und Blu-ray Discs Ver­wen­dung und auch das Fern­se­hen stellt nach und nach auf digi­tale Wege der Aus­strah­lung um.
Die pro­fes­sio­nelle Film­vor­füh­rung befin­det sich gegen­wär­tig, viel­leicht am ein­schnei­dens­ten, in einer Umbruch­si­tua­tion. Bedingt durch die Ver­än­de­run­gen bei der Pro­duk­tion und dem Kon­sum ent­ste­hen seit 2005 mehr und mehr digi­tale Kinos. Die Aus­wir­kun­gen sind hier­bei der­art, dass ver­kürzt dar­ge­stellt, sehr kos­ten­in­ten­sive Anschaf­fung bei der Kino­aus­stat­tung (die Umstel­lung ver­an­schlagt pro Kino­saal – Pro­jek­tor und Lein­wand – etwa 70.000 bis 100.000 Euro, ana­loge Tech­nik war schon für 5.000 Euro zu bekom­men und hält wahn­sin­nig län­ger) kos­ten­güns­ti­ge­ren Ver­leih­si­tua­tio­nen der Medi­en­trä­ger (digi­tale Kopien kos­ten etwa 80 Euro, für ana­loge sind etwa 1.200 Euro zu ver­an­schla­genSiehe Link zuvor) gegen­über­ste­hen.

Rela­tiv geschlos­sen und in ihrer Abfolge klar geord­net waren auch die ver­schie­de­nen Glie­der der Ver­wer­tungs­kette: Kino – VHS-Verleih – VHS-Verkauf – Pay-TV – Free-TV. Die ein­zel­nen Ver­wer­tungs­fens­ter sahen wie folgt aus:

Diese Fens­ter wer­den mitt­ler­weile durch die Ver­lei­her wegen unter­schied­li­chen Grün­den (ins­be­son­dere der ille­ga­len Ver­brei­tung im Inter­net und auf selbst­ge­brann­ten DVDs) nicht mehr ein­ge­hal­ten, was es für Kino­be­trei­ber nicht unbe­dingt leich­ter macht. Sogar zeit­glei­che Ver­öf­fent­li­chun­gen in Kinos und auf DVD (»Day-in-Day«) oder sogar DVD-Veröffentlichungen vor dem Kino-Start, sind in Zukunft in der Über­le­gung. Die Ver­lei­her der Filme ver­su­chen hier­durch, bestimm­ten Ent­wick­lun­gen und Pro­ble­men ent­ge­gen­zu­wir­ken, für Kino­be­trei­ber ent­ste­hen damit jedoch wie­derum neue Probleme.

Gerade für Pro­gramm­ki­no­be­trei­ber stellt sich die Viel­zahl an Ver­än­de­run­gen nicht ein­fach dar. Als Pro­gramm­kino, auch Filmkunst- oder Arthouse-Kino, gel­ten gemein­hin Kinos, wel­che, sehr undif­fe­ren­ziert gesagt, im Rah­men eines inhalt­li­chen Pro­gramm­an­spruchs anspruchs­vol­lere Filme den gän­gi­gen Hollywood-Blockbustern vor­zie­hen. 2010 zählte die Film­för­de­rungs­an­stalt [pdf] hierzu 16,3 Pro­zent aller Kino­säle in Deutsch­land, wobei auch Lein­wände in Kinos mit gemisch­tem Film­an­ge­bot Berück­sich­ti­gung fan­den, so dass sich der Anstieg der Zahl aus dem Jahr 2009, 11,1 Pro­zent, auch hier­durch begründet.

Ins­ge­samt exis­tier­ten 768 Säle in ganz Deutsch­land: Nordrhein-Westfalen hatte mit 139 von der abso­lu­ten Zahl her die meis­ten, Ber­lin lag bei der Pro-Kopf-Quote mit 34.607 Ein­woh­nern pro Kino­saal auf dem ers­ten Platz aller deut­schen Bundesländer.

Programmkinodichte in den Bundesländern 2010

Pro­gramm­ki­no­dichte in den Bun­des­län­dern 2010

Bei­des nicht unbe­dingt ver­wun­der­lich, denn beide Bun­des­län­der kön­nen in vie­ler­lei Hin­sicht als die bei­den wich­tigs­ten Kino-/Film-Bundesländer gese­hen wer­den, was unter ande­rem an den vie­len dort behei­ma­te­ten Film­pro­duk­ti­ons­fir­men, gro­ßen Film­stif­tun­gen, Film­fes­ti­vals oder auch der häu­fi­gen Ver­wen­dung als Dreh­ort liegt.

Sachsen-Anhalt lag sowohl was die reine Anzahl von Pro­gramm­ki­no­sä­len angeht, näm­lich zwölf, als auch mit der Zahl der Ein­woh­ner pro Kino­saal, 194.584, auf dem vor­letz­ten Platz, was salopp gespro­chen auch nicht unbe­dingt ver­wun­dern mag. Legt man den Fokus aber auf die Stadt Halle an der Saale, wun­dert man sich viel­leicht doch, dass diese mit ihren vier Pro­gramm­ki­nos und Lein­wän­den bei der Pro-Kopf-Quote (58.250 Einwohner/Saal) zwar hin­ter Ber­lin, aber noch vor Ham­burg liegt.

Halle hat in die­ser Hin­sicht aber nicht nur quan­ti­ta­tiv, son­dern auch qua­li­ta­tiv eini­ges zu bie­ten. Beim Kino­pro­gramm­preis Mit­tel­deutsch­land 2011 gewan­nen drei der vier Hal­len­ser Kinos einen Preis für die Qua­li­tät ihres Vor­jah­res­pro­gram­mes und das Lux-Kino am Zoo wurde zusätz­lich mit Kino­pro­gramm­prei­sen der Bun­des­re­gie­rung aus­ge­zeich­net – und dies nicht zum ers­ten, son­dern zum wie­der­hol­ten Mal. Genau­ge­nom­men haben die bei­den Betrei­ber, Wolf­gang Bur­kart und Tors­ten Raab, seit der Ent­ste­hung des Kinos im Jahr 2000 jedes Jahr Preise für ihr Pro­gramm erhal­ten. Beide besit­zen seit 2005 noch ein wei­te­res Pro­gramm­kino, das Lux Pusch­kino. Für beide Kinos gab es von Betrei­ber­seite die Ziel­vor­gabe, Inhaltlich-Anspruchvolles mit ent­spre­chen­dem Kom­fort bei der Aus­stat­tung zu kreu­zen. Der Kino­gän­ger merkt bei einem Besuch recht schnell, dass die­ser Anspruch in bei­den Kinos gelun­gen umge­setzt wurde.

Lux-Kino am Zoo

Lux-Kino am Zoo

Das Lux-Kino am Zoo resi­diert sprich­wört­lich in der alten Reils­burg und Zoo­gast­stätte, wel­che an einem Hang direkt am Zoo Halle liegt. Mit dem Umbau wurde allein äußer­lich ein Allein­stel­lungs­merk­mal geschaf­fen, wodurch das Kino äußerst char­mant daher kommt. Dies muss man sich am bes­ten ein­fach mal selbst anschauen – soweit man in Halle wohnt, sollte das auf kurz oder lang zwangs­läu­fig gesche­hen, aber auch bei einer Stipp­vi­site in die Hän­delstadt sollte ein Besuch ein fes­ter Pro­gramm­punkt sein.

Wie schaut es denn aber mit den auf die­ser Web­site bespro­che­nen Pro­gramm­punk­ten »ana­lo­ger Charme« und Digi­ta­li­sie­rung beim Kino aus der Sicht eines Kino­be­trei­bers aus? Tors­ten Raab, einer der zwei Lux-Besit­zer, meint dazu:

Die Ver­än­de­run­gen wer­den natür­lich kom­men. Und als jemand, der sei­nen Lebens­un­ter­halt in der Kino­bran­che ver­dient, wird es töricht sein, sich die­sen zu ver­wei­gern – auch wenn der Film­wis­sen­schaft­ler und Publi­zist Kay Hoff­mann einst schrieb, dass

»emo­tio­nal für viele die Liebe zum Kino an der Mate­ria­li­tät des Film­strei­fens hängt.«

Egal wel­chen Anspruch man als Kino ver­folgt und wie sehr das Ana­loge einst­mals wich­tig gewe­sen ist, um über­haupt eine Liebe für den Film zu ent­wi­ckeln – die Digi­ta­li­sie­rung bringt durch­aus Vor­teil­haf­tes für die Bran­che mit sich. Was bedeu­tet das aber genau für Kino­be­trei­ber? Was sind dabei Gefah­ren und Risiken?

Ein wich­ti­ges Wort der Gegen­wart im Zusam­men­hang mit den aktu­el­len Ver­än­de­run­gen und auch ganz all­ge­mein bei der Aus­ein­an­der­set­zung mit der von Mano­vich »computer-« und »software-ization« getauf­ten (R)Evolution ist das der Hybri­di­sie­rung. Auch Kino­be­trei­ber, vor allem die­je­ni­gen, die Arthouse-Filme zei­gen, wer­den in den kom­men­den Jah­ren hybride Lösun­gen bei der Film­vor­füh­rung anstre­ben. Neue Filme wer­den höchst­wahr­schein­lich mehr und mehr digi­tal gedreht und ver­öf­fent­licht wer­den, Archiv­ma­te­rial und die Werke einer Hand­voll Film­schaf­fen­der (viele Regis­seure und Kame­ra­leute schwö­ren auf her­kömm­li­ches Film­ma­te­rial) wird es erst ein­mal aber nach wie vor nur auf Film­rol­len geben. Und auch in der Film­pro­duk­tion set­zen Her­stel­ler auf beide Pferde:

»So para­dox es auch klin­gen mag: Für das digi­tale Kino ist diese Behar­rungs­kraft der ana­lo­gen Tech­nik ein deut­li­ches Plus. Denn die elek­tro­ni­sche Bear­bei­tungs­kette ver­langt immer höhere Ein­gangs­qua­li­tät, da bei der digi­ta­len Pro­jek­tion im Kino sicht­bar mehr Qua­li­tät ankommt als bei 35-Millimeter-Massenkopien. Um beide Wel­ten ohne Qua­li­täts­ver­lust zu ver­bin­den, setzt bei­spiels­weise Kodak auf hybride Tech­nik. Dar­un­ter befin­det sich eine Soft­ware, die beim Ein­scan­nen von Film­ma­te­rial auto­ma­tisch Staub und Krat­zer ent­fernt und so die digi­tale Bear­bei­tung ermöglicht.«

Wird denn viel­leicht trotz­dem irgend etwas feh­len, wenn das Kino von ana­log auf digi­tal »umge­schal­tet« wird?

Und genau das wird wahr­schein­lich auch ein Knack­punkt sein. Die­je­ni­gen, wel­che vor allem pro­fi­tie­ren wer­den, sind die Ver­lei­her und die Pro­duk­ti­ons­fir­men. Die Besu­cher­zah­len aller deut­schen Kinos[pdf] sind im Gro­ßen und Gan­zen rück­läu­fig. Die Zahl der Kino­säle ist von 4.889 im Jahr 2005 auf 4.699 gesun­ken, nach der ers­ten Hälfte die­ses Jah­res [pdf] sind wei­tere 50 ver­schwun­den. Bei den Stand­or­ten ging es von 1.035 auf 954 run­ter, die­ses Jahr bra­chen wei­tere 13 weg – das bedeu­tet, dass es immer mehr Städte gibt, in denen gar nicht mehr die Mög­lich­keit besteht, Filme auf gro­ßen Lein­wän­den zu sehen – weil es keine mehr gibt. Selbst in Ber­lin schlo­ßen seit 1990 annä­hernd 40 Kinos ihre Pforten.

Bruder im Geiste des Lux: das alte städtische Filmtheater De Uitkijk

Bru­der im Geiste des Lux: das alte städ­ti­sche Film­thea­ter De Uitkijk

Diese stamm­ten, wie auch im gesam­ten Bun­des­ge­biet, quasi geschlos­se­nen aus der Riege der Kinos, wel­che nicht einem Multiplex-Betreiber ange­hö­ren: Kom­mu­nale Kinos, Ein­zel­häu­ser, Innen­stadt­ki­nos, Tra­di­ti­ons­häu­ser und in grö­ße­ren Städ­ten eben vor allem Programm- und Filmkunst-Lichtspieltheater.
Die­je­ni­gen, die sich bis­her und nach wie vor erfolg­reich auf dem Markt behaup­ten, wer­den in den nächs­ten Jah­ren zuse­hen müs­sen, wie sie den Switch von ana­lo­ger auf digi­tale Tech­nik hin­be­kom­men. Alter­na­ti­ven wird es dazu in abseh­ba­rer Zukunft kaum geben, wes­we­gen seit etwa zwei Jah­ren inten­siv über För­der­mo­delle nach­ge­dacht wird.

Erste Ergeb­nisse sind För­der­töpfe von Bund, Län­dern und der Film­för­de­rungs­an­stalt, und in eini­gen Bun­des­län­dern wie etwa Bay­ern oder Nordrhein-Westfalen funk­tio­niert diese För­de­rung schein­bar auch recht gut. Wei­ter­hin setzt sich die AG Kino ver­stärkt dafür ein, dass auch die Film­ver­lei­her sich an den Umrüs­tungs­kos­ten der Film­thea­ter betei­li­gen sol­len. Denn Gefah­ren beste­hen auch in einer Redu­zie­rung der Pro­gramm­viel­falt und der Markt­an­teile natio­na­ler und euro­päi­scher Produktionen.

Amsterdams ältestes Kino: Das 1913 erbaute The Movies

Ams­ter­dams ältes­tes Kino: Das 1913 erbaute The Movies

Die Ver­lei­her schei­nen sich jedoch erst ein­mal Zeit zu las­sen und die aus­ge­han­delte Treu­hand­ver­ein­ba­rung in der Pra­xis aus­zu­sit­zen. So rief die AG Kino Ende Sep­tem­ber zu einem Umrüs­tungs­stopp auf, damit Kinos sich nicht bei der Umstel­lung ohne För­de­rung finan­zi­ell über­neh­men. Chris­tian Bräuer, der Geschäfts­füh­rer der Yorck Kino GmbH aus Ber­lin und Vor­stand der AG Kino-Gilde, warnte schon 2009:

»Das ist wahn­sin­nig teuer, für kleine Kinos rech­net sich das ein­fach nicht. Es muss eine Lösung für die gesamte deut­sche Kino­bran­che her, sonst hal­biert sich die Zahl der Kinos in den nächs­ten zehn Jahren.«

Auf die Kino­land­schaft, vor allem auf die Kinos mit fes­tem Monats­pro­gramm, war­ten span­nende Zei­ten. Abseits der Umbau­ten von Kinos müs­sen Men­schen natür­lich nach wie vor noch das Bedürf­nis besit­zen, Filme auf gro­ßen Lein­wän­den mit beein­dru­cken­dem Sound zu erle­ben – anstatt zu Hause auf dem Com­pu­ter. Wieso man das Kino auch in Zukunft besu­chen sollte, for­mu­liert Tors­ten Raab zu guter Letzt selbst:

Leave a Reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>