Comics bilden nicht nur ab

Comics bilden nicht nur ab

Comics besit­zen eine Hand­voll Ana­lo­gien zum Vinyl, auch wenn man als jemand, der bei­den Medi­en­an­ge­bo­ten etwas abge­win­nen kann, wohl kon­sta­tie­ren muss, dass das Vinyl­sam­meln und -hören und des­sen ästhe­ti­scher Wert für Men­schen, die diese Hob­bys nicht tei­len, mitt­ler­weile ungleich grö­ßer ist als das Sam­meln und Lesen von Comics. Dass Vinyl durch die Bank »akzep­tier­ter« ist als Comics es sind, hängt sicher­lich vor allem mit dem Image der bei­den Gat­tun­gen zusam­men – gel­ten Schall­plat­ten doch einer­seits als »cool« und man selbst quasi als DJ, wenn man einen Schrank vol­ler Vinyl hat, und ande­rer­seits als dis­tin­gu­iert, da man als audio­phi­ler Samm­ler von Plat­ten irgend­wie mit intel­lek­tu­el­len Wein­lieb­ha­bern gleich­ge­setzt wird.

Comic-Liebhaber haben es da ungleich schwe­rer: Am Anfang war die Ableh­nung des neuen Medi­ums, die auch viele andere Medien (TV oder Inter­net, zu Beginn sogar das Buch) erfah­ren haben, immer mit einer qua­li­ta­ti­ven Her­ab­stu­fung ver­bun­den. Zusätz­lich gal­ten Comics als Bil­der­ge­schich­ten, die eher einer sehr jun­gen Ziel­gruppe zuge­schrie­ben wer­den und nicht so anspruchs­voll wie »rich­tige« Bücher sein kön­nen. Comics sind für Kin­der, so ein weit ver­brei­te­tes Vorurteil.

Verkaufsgespräch an der Theke des Djinn

Ver­kaufs­ge­spräch an der Theke des Djinn

Kau­fen diese denn aber heut­zu­tage noch Comics? Raúl Depi­e­reux, der den in ein Café inte­grier­ten Comi­cla­den DjinnOder auch genau anders­herum, je nach Blick­win­kel. Laut Visi­ten­karte: Restaurant/Bar/Cafe/Comic. Auf jeden Fall betrie­ben von ihm und sei­ner Frau, wel­che sich um den Nicht-Comic-Bereich küm­mert. betreibt und über viele Jahre Erfah­rung mit der Kli­en­tel ver­fügt, müsste das wissen:

Im Sor­ti­ment von Comic-Läden wie dem Djinn sind Comic-Heftchen wie Micky Maus oder Yps nicht zu fin­den, obwohl diese bei einer Reihe von Comic-Sammlern und -Lesern häu­fig in den Kin­der­jah­ren die ers­ten waren, die man zu lesen bekam. Was auch unter ande­rem daran liegt, dass diese sich eher im Super­markt oder in einem Zeitschriften-Kiosk kau­fen las­sen, somit auch schnel­ler mal beim Ein­kauf von der Mut­ter mit­ge­nom­men wur­den und dies lei­tet dann wohl auch zu ande­ren Vor­ur­tei­len und dem Bild von Comic in der Öffent­lich­keit über, wovon Raúl auch ein Lied sin­gen kann:

Was in den letz­ten Jah­ren wirk­lich auf­fällt, ist die zuneh­mende Akzep­tanz von Comics – inso­fern diese Gra­phic Novel hei­ßen. Wich­tig scheint hier vor allem das Verb »hei­ßen« statt »sind«. Dem Image nach gilt die­ses Comic-Genre als hoch­wer­ti­gere Bil­der­ge­schichte, sowohl den Inhalt, als auch die Ver­pa­ckung betref­fend. Ein wirk­li­cher Unter­schied liegt wohl darin, dass die meis­ten als Ein­zel­bände erschei­nen und damit abge­schlos­sen sind – im Gegen­satz zu den weit ver­brei­te­ten Comic-Serien. Was es mit den Gra­phic Novels wohl in Wahr­heit auf sich hat, fasste Alan Moore, sei­nes Zei­chens Schöp­fer von Watch­men – laut TIME-Magazin eine der »100 All-Time Novels« und vor allen Din­gen ein sehr guter Comic – schon 2000 in einem Inter­view recht kna­ckig zusammen:

»It’s a mar­ke­ting term. I mean, it was one that I never had any sym­pa­thy with. The term ‚comic’ does just as well for me. […] The pro­blem is that ‚gra­phic novel’ just came to mean ‚expen­sive comic book’ […].«

Dass der Comic eigent­lich keine begriff­li­che Auf­wer­tung nötig hat, zeigt ein wei­te­res State­ment von Raúl bezüg­lich sei­ner Kund­schaft, die in der Summe übri­gens nicht wirk­lich dem gän­gi­gen Kli­schee entspricht:

Am Gra­tis Comic­tag 2011

Gratis-Comic-Tag 2011 - Offi­zi­el­ler Trai­ler von gra­tis­co­mic­tag auf YouTube

konnte man dann auch genau die beschrie­be­nen Drei von Vie­ren vor Ort tref­fen. In Län­dern wie den USA, Japan, Frank­reich und auch Bel­gien, die eine län­gere und vor allem auch rei­chere Erzähl-Tradition besit­zen, sieht vie­les dann doch auch anders aus:

Auch das ZDF sah sich in einem ande­ren Comic-Laden, dem Frank­fur­ter T3 Ter­mi­nal Enter­tain­ment, an die­sem Tag um und bekam Erhel­len­des von Bran­chen­kun­di­gen erzählt – auch über die deut­sche Comic-Szene:

Der Gra­tis Comic Tag von ZDF auf YouTube

Die von Zeich­ner Ingo Röm­ling und Autor Chris­to­pher Tau­ber ange­spro­che­nen Grenz­er­wei­te­run­gen kann auch Raúl bestätigen:

Ähn­lich wie bei der Musik oder auch dem Jour­na­lis­mus stellt das Web talen­tier­ten und talent­freien Ambi­tio­nier­ten eine Platt­form und Werk­zeuge zur Ver­fü­gung, die es immens ver­ein­fa­chen, eigene Schöp­fun­gen unter Leute zu brin­gen. Ob es dann den Lesern gefällt, bleibt ebenso wie in der ana­lo­gen Welt natür­lich Geschmacks­sa­che. Mitt­ler­weile gibt es eine Menge Flä­chen im Netz, die mit PanelsIn der gra­fi­schen Kunst des Comics und Car­toons bezeich­net der Aus­druck Panel ein Ein­zel­bild in einer Sequenz. Ein Comic Strip ist zum Bei­spiel eine Sequenz von 3 oder 4 Panels. Dage­gen sind die Panels eines Comic-Hefts meist in Zei­len grup­piert, wobei eine krea­tiv vari­ierte zie­gel­mau­er­ar­tige Auf­tei­lung der Seite (das heißt, ein star­res Ras­ter) als ästhe­tisch ange­nehm und gut zu lesen emp­fun­den wird. Man­gas haben im Gegen­satz zu west­li­chen Comics oft varia­blere und weni­ger starre Panelauf­tei­lun­gen. gefüllt wer­den – Web­sites ein­zel­ner Künst­ler oder auch ganze Ver­lage für Bild­schirm­co­mics. Aber auch nor­male Comic-Verlage nut­zen die Mög­lich­keit, ihre Publi­ka­tio­nen auf ihren Web­sites vor­zu­stel­len. Teil­weise gibt es erste Kapi­tel von Neu­er­schei­nun­gen als E-Book, pdf oder sogar flash-animiert zum Ein­bet­ten in frem­den Sei­ten oder eben kom­plette Sachen aus dem Back­ka­ta­log, um bei Lesern Inter­esse für Fol­ge­bände einer Serie zu wecken:

Was Raúl aber schon vom Hocker reißt, wenn jedoch auch in nega­ti­ver Hin­sicht und eher im Sinne eines »vom Hocker kip­pen«, ist die Frage nach digi­ta­len Comics und sei­ner Mei­nung als Comic-Leser dazu:

Digi­tale Comics kön­nen aber durch­aus für Samm­ler sehr inter­es­sant sein, wie einer der Djinn-Kun­den, die am Comic-Tag anzu­tref­fen waren, zu »beich­ten« wusste:

Ein nicht ganz so fein sortiertes Regal voller Comics

Ein nicht ganz so fein sor­tier­tes Regal vol­ler Comics

Trotz der Vor­teile, an man­che Sachen her­an­zu­kom­men, auf die man sonst ver­zich­ten müsste und die Tat­sa­che, dass Digi­ta­les kei­nen Platz weg­nimmt und man es somit viel ein­fa­cher trans­por­tie­ren kann, wer­den doch egal bei wel­chen Medien immer wie­der ähn­li­che Vor­züge oder Eigen­schaf­ten genannt, auf die man schwer bis gar nicht ver­zich­ten könnte:

»Wie­der­keh­rende Rhyth­men« ist mit Sicher­heit nicht nur eine schöne, son­dern auch sehr zutref­fende Beschrei­bung für den lieb gewon­ne­nen ana­lo­gen Charme. Viele legen beim Älter­wer­den die Samml­er­ei­gen­schaft ein wenig ab, das konnte man auch immer wie­der bei Besu­chern des Gra­tis Comic­tag hören. Doch gibt es auch nach wie vor wel­che wie Boris Kunz vom Titel Kul­tur­ma­ga­zin, der seine Sam­mel­lei­den­schaft wie folgt beschreibt:

»Ich lese und sammle Comics, seit ich den­ken kann, und habe dabei weder vor den höchs­ten Höhen noch den tiefs­ten Tie­fen Halt gemacht. Von den bil­ligs­ten Bastei-Heften bis zu sünd­haft teu­ren Werk­aus­ga­ben im Schu­ber sind mir so ziem­lich alle Sor­ten von Comics in die Fin­ger gekom­men, die man sich vor­stel­len kann.«

Andere wie­derum sam­meln im vor­an­ge­schrit­te­nen Alter geziel­ter oder sogar mit ande­ren Hin­ter­ge­dan­ken und nen­nen Cha­rak­te­ris­tika, die der digi­tale Comic schwer­lich errei­chen kann:

Ein Comicsammler und sein comiclesender Sohn

Ein Comic­samm­ler und sein comi­cle­sen­der Sohn

Das Ent­de­cken funk­tio­niert ebenso gut in den Bil­dern wie auch inner­halb des eige­nen Regals Kel­lers. Dabei ist, ähn­lich wie beim Vinyl, die lange Halt­bar­keit ein wich­ti­ger Fak­tor. Comic-Bände und Vinyl-Alben hal­ten ein­fach Jahr­zehnte län­ger als ihre digi­ta­len Kopien:

Wenn die Sachen dann wirk­lich noch wie neu aus­se­hen und 50-60 Jahre auf dem Buckel haben, dann kann bei dem ein oder ande­ren Exem­plar auch von »Alt­pa­pier für Mil­lio­näre« gespro­chen wer­den. 2010 wech­sel­ten zwei Comic-Hefte, in denen jeweils Super­man und Bat­man debü­tier­ten, für je eine Mil­lio­nen Dol­lar den Besitzer.

Superman und Batman als Neuauflagen in einem Regal im Djinn

Super­man und Bat­man als Neu­auf­la­gen in einem Regal im Djinn

Wie andere Kunst­ge­gen­stände auch haben sich Comics zu einer veri­ta­blen Geld­an­lage ent­wi­ckelt, was aus ihrer beson­de­ren Bedeu­tung für viele Men­schen resultiert:

»Viele Samm­ler sind mit Comics auf­ge­wach­sen und hal­ten als Erwach­sene den Hel­den ihrer Jugend die Treue.«

Aber auch hier­durch ver­än­dern sich bestimmte Dinge:

»Ihrem ursprüng­li­chen Zweck, der unter­halt­sa­men Lek­türe, die­nen die wert­vol­len Stü­cke in den sel­tens­ten Fäl­len. Um Wert­min­de­rung zu ver­mei­den, las­sen US-Händler ihre Schätze mit der Zer­ti­fi­zie­rung in Kunst­stoff­kis­ten ein­schwei­ßen – sobald man sie öff­net, ver­fällt das Qua­li­täts­sie­gel. Aber lesen will diese Hefte eh kei­ner mehr.«

Raúl sieht es selbst dann auch als wich­ti­ger und bedeu­ten­der an, einen Comic immer noch und vor allem als ein nutz­ba­res Kul­tur­gut zu betrach­ten, wel­ches sich wegen den inter­es­san­ten Geschich­ten aus Bild und Text zuge­legt wer­den sollte:

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