Bandsalat mit Würze

Bandsalat mit Würze

Ähnlich ihrer bekann­ten Auf­ma­chung aus einer A- und einer B-Seite beinhal­ten Musik­kas­set­ten auch in ihrer gegen­wär­ti­gen Ein­ord­nung und Bewer­tung als Ton­trä­ger zwei Sei­ten: Auf der einen Seite sind sie in der Pra­xis wei­test­ge­hend aus­ra­diert, auf der ande­ren Seite auf­grund unglaub­lich vie­ler Erin­ne­run­gen von unter­schied­lichs­ten Men­schen wohl nie­mals ganz tilgbar.

Verschwunden sind heutzutage auch vielerorts die Kaugummi-Automaten und im 'Tobaccoland' wurde auch etwas entfernt (Erläuterung später)

Ver­schwun­den sind heut­zu­tage auch vie­ler­orts die Kaugummi-Automaten und im ‚Tobac­co­land’ wurde auch etwas ent­fernt (Erläu­te­rung später)

Das phy­si­sche Ver­schwin­den trifft ernst­ge­nom­men auch nur auf die USA, Europa und Japan zu, denn abseits die­ser »hoch­tech­no­lo­gi­sier­ten« Regio­nen, ist das Tape in Afrika, Süd­ame­rika oder West- und Süd­asien nach wie vor das Musik­me­dium Num­mer eins.

Neben der tra­gen­den Rolle für Musik haben diese Käst­chen (franz.: cas­sette ‚Käst­chen‘; aus ital.: cassa) in der Ver­gan­gen­heit noch wei­tere Funk­tio­nen erfüllt. Im fol­gen­den Kas­ten die ton­an­ge­ben­den Drei:

Die Com­pact Cas­sette (CC) oder Audio­cas­sette, ein­ge­deutscht Ton­band­kas­sette oder Ton­kas­sette, ist ein Ton­band, das zur ein­fa­che­ren Hand­ha­bung in einem Kunst­stoff­ge­häuse gekap­selt ist. Es han­delt sich um einen elek­tro­ma­gne­ti­schen Daten- oder Ton­trä­ger für ana­loge Auf­zeich­nung bzw. Wie­der­gabe. Umgangs­sprach­lich wird sie oft ein­fach »Kas­sette« oder »Tape« genannt, bereits vor­be­spielt ver­kaufte Kas­set­ten wer­den als Musik­kas­set­ten oder Musi­Cas­sette (MC) bezeich­net. Das Abspie­len und Auf­neh­men von Kas­set­ten erfolgt mit einem Kas­set­ten­re­kor­der (Kas­set­ten­wie­der­ga­be­ge­rät, wenn das Gerät nur zur Wie­der­gabe geeig­net ist). Sie wur­den 1963 von Phi­lips ein­ge­führt und erfreu­ten sich jahr­zehn­te­lang gro­ßer Beliebt­heit. Heute haben sie in Indus­trie­län­dern nur noch geringe Bedeu­tung. In Schwellen- und Ent­wick­lungs­län­dern sind sie aller­dings wegen ihrer Robust­heit und ein­fa­chen Tech­nik immer noch sehr weit ver­brei­tet. Quelle: Wikipedia/Compact Cas­sette
Eine Video­kas­sette besteht aus einer Plas­tik­kas­sette aus Poly­sty­rol, in der sich ein auf­ge­roll­tes magne­ti­sier­bar beschich­te­tes Kunst­stoff­band (Magnet­band oder Video­band) befin­det. Die Video­kas­sette wird als Daten­trä­ger für Filme ein­ge­setzt. Es exis­tie­ren ver­schie­dene Stan­dards, Daten­for­mate und Kas­set­ten­grö­ßen zum Ein­satz in diver­sen Gerä­ten zur Auf­nahme und Wie­der­gabe von Fil­men (Video­re­kor­der), zum Bei­spiel: VHS-Videokassetten für ana­loge Video- und Ton­si­gnale, digi­tale Video­kas­set­ten wie DV und miniDV für Auf­zeich­nun­gen mit­tels Cam­cor­der, etc. Durch das Auf­kom­men von DVD-Video, wie­der­be­schreib­ba­ren DVDs und Festplatten-Rekorder Anfang des 21. Jahr­hun­derts hat die Bedeu­tung der Video­kas­sette stark abge­nom­men. Video­bän­der haben wie alle Daten­trä­ger eine begrenzte Lebens­dauer, die ent­schei­dend von der rich­ti­gen Lage­rung, jedoch auch von der Bandsorte abhängt. Bei tro­cke­ner Lage­rung bei nor­ma­ler kon­stan­ter Raum­tem­pe­ra­tur sind in sel­te­nen Fäl­len bis zu 35 Jahre mög­lich. 20 Jahre wer­den fast immer erreicht. Quelle: Wikipedia/Videokassette
Eine Data­sette (Fa. Com­mo­dore: Datas­sette) ist ein in den 1980er Jah­ren weit­ver­brei­te­tes Gerät, um Com­pu­ter­da­ten auf her­kömm­li­chen Com­pact Cas­set­ten (CC) zu spei­chern. Data­sette ist ein Kof­fer­wort aus Data (eng­lisch für Daten) und Cas­sette. Die Bezeich­nung stammt ursprüng­lich von Com­mo­dore, wurde spä­ter gele­gent­lich auch für ähn­li­che Geräte ande­rer Heim­com­pu­ter, u. a. von Atari, Apple, Robo­tron, Tandy, Sin­clair und Amstrad/Schneider ver­wen­det. Heute kom­men Data­set­ten nicht mehr zum Ein­satz, da sie den aktu­el­len Daten­trä­gern in Bezug auf Kapa­zi­tät und Geschwin­dig­keit um viele Grö­ßen­ord­nun­gen unter­le­gen sind. Zudem sind fast alle Data­set­ten rein lineare Medien, bei dem Band­stel­len vom Benut­zer per Hand mit­tels lang­wie­ri­gem Spu­len auf­ge­sucht wer­den müs­sen; sie sind damit den Medien mit wahl­freiem Zugriff, wie etwa Dis­ket­ten, Fest­plat­ten oder CD-ROMs, auch prin­zi­pi­ell unter­le­gen. Quelle: Wikipedia/Datasette

Wurde man in den 60er-/70er- oder 80er Jah­ren gebo­ren wer­den einem alle drei Pro­dukte begeg­net sein – und nicht nur das: Sie wer­den einen sehr hohen Stel­len­wert ein­ge­nom­men haben. Für mich waren alle Drei nicht wegzudenken.

Für die Data­sette traf dies jedoch nur kurz zu, denn sie ver­schwand am

Das Kassettengerät mit der kürzesten Lebensdauer: die Datasette

Das Kas­set­ten­ge­rät mit der kür­zes­ten Lebens­dauer: die Datasette

schnells­ten. Irgend­wann in den 80er Jah­ren erhiel­ten mein Bru­der und ich unse­ren ers­ten PC – die­ser war als Quasi-Monopolist damals immer der Com­mo­dore 64. Für die ers­ten Spiele benö­tig­ten wir ein Kas­set­ten­lauf­werk. Unvor­stell­bar, wie lange man immer zu war­ten hatte, denn die Daten­kas­set­ten lie­fen erst ein­mal eine gehö­rige Weile, bis das Spiel fer­tig gela­den war. Kein Wun­der, dass ich heil­froh war, als das 5¼-Zoll-Diskettenlaufwerk sie ablöste.

Jahr­zehn­te­lang dage­gen beherrsch­ten VHS und MC die Kinder- und Jugend­zim­mer. Video­kas­set­ten waren die erste visu­elle Ablö­sung vom Fern­se­hen, wel­ches in den frü­hen 80ern ja sogar nur von drei TV-Sendern (in Hes­sen emp­fing man noch einen vier­ten, den US-amerikanischen Mili­tär­sen­der AFN) ver­tre­ten wurde. Auf ein­mal gab es Video­the­ken, in denen man sich diverse Filme aus­lei­hen konnte. Außer­dem hatte man mit einem Video­re­kor­der die Mög­lich­keit, Sachen aus dem TV auf­zu­neh­men, um sie spä­ter noch ein­mal zu schauen oder zu ver­lei­hen. Ähn­lich wie bei der Data­sette weine ich jedoch auch der VHS kein Träne nach, denn sie fand einen guten Nach­fol­ger in der DVD.

Bei den soge­nann­ten Tapes ist das alles ein wenig kom­pli­zier­ter. Als Kind und Jugend­li­cher nutzte man diese in Kas­set­ten­re­kor­dern als Hör­spiele (bei mir etwa Die Drei Fra­ge­zei­chen, TKKG oder Lucky Luke), Auf­nah­me­me­dium für Radio­sen­dun­gen und -songs, als mobile Musi­k­quelle in Walk­mans oder spä­ter Auto­ra­dios und als Mixtapes, auf die man von Vinyl oder CD auf­nahm, um eine eigene Com­pi­la­tion zu besit­zen oder indi­vi­du­elle Krea­tio­nen zu verschenken.

Fliehendes Graffiti-Tapemännchen, welches wohl nicht schnell genug war und vom Straßenbild entfernt wurde

Flie­hen­des Graffiti-Tapemännchen, wel­ches wohl nicht schnell genug war und vom Stra­ßen­bild ent­fernt wurde

Gerade an diese Mixtapes kann man manch­mal sehn­süch­tig zurück den­ken, da es hier­für in der Gegen­wart kein ent­spre­chen­des Äqui­va­lent mehr gibt. Eine selbst­ge­brannte CD, am eige­nen Rech­ner zusam­men­ge­klickt, kommt dem Tape wegen unter­schied­li­cher Gründe nicht ansatz­weise nahe.

Wieso? Was fehlt? Nun, es ist keine »Wis­sen­schaft« oder kein »Hand­werk« mehr, die ein­zel­nen Songs zu kom­pi­lie­ren. Und es gibt nicht mehr so viele Optio­nen, die Hülle und den Ton­trä­ger zu gestal­ten. Gründe, wes­we­gen die Mixtape-Kultur nicht nur das Trä­ger­me­dium gewech­selt hat, son­dern irgend­wie in der Digi­ta­li­sie­rung ver­lo­ren geht oder schon ver­lo­ren gegan­gen ist. Was ich sehr schade finde, denn es war vor allem auch ein wun­der­ba­res Geschenk für Men­schen, die einem etwas bedeu­ten. Man konnte durch das Tape etwas kom­mu­ni­zie­ren, indem man jeman­dens Worte zitierte – hier Rob aus High Fide­lity:

»Now, the making of a good com­pi­la­tion tape is a very sub­tle art. Many do’s and don’ts. First of all you’re using someone else’s poe­try to express how you feel. This is a deli­cate thing.«

Deli­cate thing, sub­tle art, Wis­sen­schaft und Hand­werk, weil es einen beim Fabri­zie­ren eines Mixtapes einer­seits her­aus­for­derte, die rich­ti­gen Lie­der in der rich­ti­gen Rei­hen­folge her­aus­zu­su­chen, ande­rer­seits man an die 60, 90 oder 120 Minu­ten auf zwei Sei­ten gebun­den war und wei­ter­hin sich Gedan­ken machen konnte, wie das Tape und des­sen Hülle designt wer­den sol­len. Alles zusam­men war ein pro­duk­ti­ver Akt, der meist so ablief, dass man eine durch­dachte Aus­wahl sei­ner Plat­ten auf dem Boden ver­streute und sich über­legte, wel­ches Stück an den Anfang kommt. Hier hatte man rein tech­nisch freie Aus­wahl, kom­po­si­to­risch war dies jedoch die erste schwere und gut zu über­le­gende Ent­schei­dung, die man zu tref­fen hatte (ähn­lich einem Album, ins­be­son­dere einem Kon­zept­al­bum, in der Musik). Der erste Track musste Lust auf mehr machen und für den Hörer und Beschenk­ten schon mal einen Über­blick ermög­li­chen. Auf das, was noch folgte. Fol­gen­des High Fide­lity Zitat dazu:

»The making of a great com­pi­la­tion tape, like brea­king up, is hard to do and takes ages lon­ger than it might seem. You gotta kick off with a kil­ler, to grab atten­tion. Then you got to take it up a notch, but you don’t wanna blow your wad, so then you got to cool it off a notch. There are a lot of rules.«

Die schwie­rigste Dis­zi­plin waren jedoch immer die bei­den Lie­der, die die bei­den Sei­ten der Kas­sette been­de­ten. Hatte man beim Auf­neh­men der Songs in der Mitte der bei­den Sei­ten schon einen Track im Kopf, muss­ten die Stü­cke zuvor tech­nisch in ihrer Länge im bes­ten Fall so pas­sen, dass der aus­ge­suchte finale Akt einer­seits noch auf die Seite passte, ande­rer­seits nicht zu viel Platz bis zum bekann­ten »Klack« des ans Ende gelau­fe­nen Ban­des ließ. Nicht leicht. Aber für vie­les sei­ner­zeit gut. Und für die Erin­ne­run­gen an ver­gan­gene Zei­ten:

Das Tapemännchen und die Schemen des vergehenden Sommers

Das Tape­männ­chen und die Sche­men des ver­ge­hen­den Sommers

»Selbst­auf­ge­nom­mene Musik­kas­set­ten sind bes­ser als Foto­gra­fien: Hört man eine alte Kas­sette an, sind die Erin­ne­run­gen schlag­ar­tig wie­der da. Höchs­tens Gerü­che kön­nen noch so starke Asso­zia­tio­nen freisetzen.«

Die­ser »Mythos«, plus eine Reihe wei­te­rer Mythen, kre­ierte den Begriff Tape­kul­tur. Diese hat in den Län­dern und Regio­nen, in wel­chen das Tape nur noch sel­ten in Hin­blick auf sei­nen eigent­li­chen Zweck Ver­wen­dung fin­det, mitt­ler­weile in Mode und Design Ein­zug erhalten.

Screenshot einer Google-Suche nach 'Kassette Tape Tasche'

Screen­shot einer Google-Suche nach ‚Kas­sette Tape Tasche’

Es gibt Tra­ge­ta­schen, Taschen für das Smart­phone, USB-Sticks, Geld­bör­sen, Schlüs­sel­an­hän­ger und Klei­dung – alles mit Kas­set­ten­mo­ti­ven. Aber auch in der Kunst hat sich das Tape gehal­ten. Die Künst­ler­gruppe Tape­mo­s­phere, selbst­er­nannte »ana­log refu­gees«, bas­telt Instal­la­tio­nen, die aus einer audio-visuellen Kom­po­si­tion von Magnet­bän­dern, Kas­set­ten und Rekor­dern beste­hen, wel­che ein dyna­mi­sches Eigen­le­ben entwickeln:

Tapemosphere#10 von bal­zis­ler auf YouTube

Zum Musik­ma­chen wer­den Kas­set­ten also nach wie vor ver­wen­det, auch der Lon­do­ner Musi­ker Bibio besitzt bis zu 30 Tape­re­cor­der, die in sei­nem Pro­duk­ti­ons­pro­zess eine wich­tige Rolle spie­len. Er nutzt die Rekor­der bei sei­ner dann im End­ef­fekt doch elek­tro­ni­schen Musik, um immer wie­der von einem Tape auf das andere auf­zu­neh­men, weil er das Stau­bige und Trübe von Magnet­bän­dern mag und fin­det, dass sich dadurch ein deut­li­che­rer Eigen-Charakter abzeichnet:

»Aber ich bin immer noch auf der Suche nach dem per­fek­ten Recor­der. Viel­leicht gibt es den aber auch gar nicht.«

Das Tapemännchen an einem perfekten Tag

Das Tape­männ­chen an einem per­fek­ten Tag

Und viel­leicht ist manch­mal eine nicht ganz so große Por­tion Per­fek­tion, ein Gefühl, als sei die Platte zer­kratzt, die Boxen kaputt oder der Kas­set­ten­re­kor­der am lei­ern, auch wohl­tu­end in einer glatt pro­du­zier­ten und bere­chen­ba­ren Musik­welt. In die­sem Sinne zum Ende noch mal Bibio – auf der einen Seite um zu zei­gen, dass seine Musik dann doch nicht so klingt, wie das oben beschrie­bene Gefühl und auf der ande­ren Seite als Ent­schul­di­gung für das Video »Tapemosphere#10″ oben, das doch eine recht schlechte Qua­li­tät besitzt:

K is for Kel­son von Bibio auf Warp Records

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