Analoge und digitale Musikproduktion

Analoge und digitale Musikproduktion

Musik wird gemacht, Live-Auftritte wer­den gespielt und bei­des will dann irgend­wann auch mal auf­ge­nom­men wer­den. David Frick hat sein ers­tes Schlag­zeug mit acht Jah­ren bekom­men und macht laut eige­ner Aus­sage so rich­tig Musik seit er 14-15 Jahre alt ist. Ange­fan­gen hat er mit Hip-Hop, mitt­ler­weile spielt er in unter­schied­li­chen Bands, von Gitarren-Musik bis Funk-/Soul-Musik, rappt wei­ter­hin und bas­telt Beats

Dave Floyd-Ich muß by Jim­my­Floyd­Mu­sic

und setzt sich ebenso mit elek­tro­ni­scher Musik aus­ein­an­der. Das Inter­es­sante ist dahin­ge­hend, dass er eine große Viel­falt von Gen­res aus dem Blick­win­kel des Musik­schaf­fen­den kennt und ver­mag zu beur­tei­len. Was hat sich denn nun beim Musik­pro­du­zie­ren durch das Digi­tale verändert?

Auf­grund sei­nes Alters von 29 Jah­ren und sei­nes Jahr­gangs 1981 war er zu Beginn des Musik­ma­chens zwar schon im digi­ta­len Zeit­al­ter ange­kom­men, nichts­des­to­trotz besitzt er eine dezi­dierte Mei­nung zu ana­lo­gen Aufnahmeverfahren:

Der bri­ti­sche Musik­pro­du­zent Bibio schiebt dies auf

»die Art und Weise wie Ober­töne mit­ein­an­der har­mo­nie­ren und eine andere Form der Sät­ti­gung ergeben.«

Über einen sei­ner Songs, Excu­ses, erzählt er, dass er sich für das Video

Bibio - Excu­ses from Michael Robin­son on Vimeo.

extra einen Oszil­lo­sko­pen gekauft hat, um die Musik visua­li­sie­ren zu kön­nen. Als er die­sen dann besaß, ver­glich er die Gra­phen sei­nes ana­lo­gen Yamaha mit denen von Software-Synthies und machte die Fest­stel­lung, dass bei der Soft­ware mes­ser­scharfe Com­pu­ter­gra­fi­ken aus­spukt wur­den, beim Yamaha hin­ge­gen wilde und auch leben­di­gere For­men. Bibio war begeis­tert von der

»Unvor­her­seh­bar­keit des Ana­lo­gen, wie Ober­töne sprich­wört­lich aus dem Bild­schirm springen«.

Auch wenn es so scheint, als wenn in die­ser Bezie­hung das Ana­loge dem Digi­ta­len Vor­bild ist, so erga­ben sich natür­lich viele Ver­än­de­run­gen. Gerade der nied­ri­gere Kos­ten­fak­tor und die nied­ri­gere Zugangs­schwelle für inter­es­sierte Men­schen, hat beim Musik­ma­chen und dem Auf­neh­men die­ser doch eini­ges revo­lu­tio­niert, oder?

Bewe­gung ist mit Sicher­heit in das gesamte Feld der Musik­pro­duk­tion gekom­men, egal ob bei »pro­fes­sio­nel­ler« oder »amateurhafter«.

Jomox Synthesizer

Jomox Syn­the­si­zer

Tobias Men­gu­ser von der Ber­li­ner Sound Design Firma Native Instru­ments merkt hierzu an:

»Ent­schei­dend bei die­ser Ent­wick­lung ist, dass sich das Bild des Musi­kers grund­le­gend geän­dert hat in den ver­gan­ge­nen Jah­ren. Mehr Men­schen machen immer mehr Musik, nicht mehr mit Hard­ware, son­dern mit Soft­ware. Das ist also per se schon viel erschwing­li­cher als noch in den 90ern, als zunächst teure Gerät­schaf­ten ange­schafft wer­den mussten.«

Teure, ana­loge Gerät­schaf­ten sind durch güns­ti­gere digi­tale ergänzt und ersetzt wor­den. Auch bei der erwünsch­ten Instru­men­tie­rung eines Songs oder Albums kann man mitt­ler­weile ganz anders her­an­ge­hen. Wur­den frü­her noch große Orches­ter und üppige Stu­dio­ar­ran­ge­ments für viel Geld benö­tigt um einen spe­zi­el­len Sound zu erzeu­gen, so kann das alles mitt­ler­weile auch der Rechner.

»Erst­mal ist es nur posi­tiv zu sehen, dass heute mehr Leute mit weni­ger Geld gute Musik machen können.«

so Bibio.

Die Digi­ta­li­sie­rung brachte also hier­bei einer­seits Vor­teile, da die Gerät­schaf­ten erschwing­li­cher wur­den, auch was die quan­ti­ta­ti­ven Mög­lich­kei­ten anbelangt…

Ande­rer­seits sind die tau­sen­den Optio­nen, die das Digi­tale lie­fert, also auch nicht nur ein Para­dies. Es ist viel schwie­ri­ger hier­aus zu wäh­len und sich dann aber auch bei der Wahl und dem Geschaf­fe­nen zu reduzieren.

David im Proberaum

David im Proberaum

Kein Wun­der, gibt es doch mitt­ler­weile zahl­rei­che Sound-Pakete mit wie­derum einer schier unzäh­li­gen Anzahl von ein­zel­nen Sounds, die man sich als Nut­zer aus­wäh­len kann und direkt auf sei­nem Rech­ner ange­zeigt bekommt. Sehen, nicht hören scheint auch ein Pro­blem beim digi­ta­len Pro­du­zie­ren wer­den zu können.

Auf dem Rech­ner und mit Soft­ware wird also häu­fig in Wel­len­form das nach­ge­zeich­net, was eigent­lich über das Gehör wahr­ge­nom­men wird. Wie­der Bibio:

»[…] ich mag es nicht, wenn man zu viel dem Com­pu­ter über­lässt, alleine wegen der Phy­si­ka­li­tät. Musik, die aus­schließ­lich auf dem Rech­ner gemacht wird, erklingt ja vor­her nicht. Da gibt es kei­nen Bezug zur phy­si­ka­li­schen Klang­er­zeu­gung. Womit ich nicht sagen will, dass es keine gute Com­pu­ter­mu­sik gibt.«

Frü­her waren rie­sige Orches­ter von­nö­ten wo heute ein Lap­top steht. Bibio meint dazu, dass es fast unmög­lich ist, ein gan­zes Orches­ter zu simu­lie­ren, aber man ver­sucht die­ses eben anzu­deu­ten. In Hin­blick auf alte üppige 70er Jahre-Studioarrangements sagt er:

»Das ist aber etwas, was ich immer umzu­set­zen ver­su­che: im Schlaf­zim­mer etwas zu schaf­fen, das diese 70er-Wärme aus­strah­len kann.«

… was sich dann bei­spiels­weise fol­gen­der­ma­ßen anhört:

Bibio - Jea­lous of Roses from MFK on Vimeo.

Wie ver­sucht wird, Ana­lo­ges zu kopie­ren, beschreibt der Schlagzeug-Spezialist Paul Mau­rer, wenn er über das Pro­dukt Abbey Road | 60s Drums spricht. Diese Soft­ware stellt eine Koope­ra­tion von Native Instru­ments und den Abbey-Road-Studios dar. In den Stu­dios, die welt­wei­ten Ruhm als Auf­nah­me­stätte vie­ler Beat­les Alben erran­gen, wur­den alte 60er-Jahre Drums, alte Mikro­fone und Band­ma­schi­nen auf­ge­baut um dann inner­halb von einer Woche (der gesamte Pla­nungs­pro­zess erstreckte sich über einen Zeit­raum von sechs Mona­ten) und der Man­power von vier Schlag­zeu­gern ein authen­ti­sches Schlagzeug-Kit zu produzieren:

Snaredrum

Sna­re­drum

»Auf­bau, Mikro­fo­nie­rung und dann jede Trom­mel ein­zeln. Bass­drum, Sna­re­drum, Rimshot, Toms, links­hän­dig gespielt, rechts­hän­dig gespielt, halb­of­fen, ganz offen, viel Effet, wenig Effet, Wir­bel, Wir­bel­chen. Und wie­der von vorne. Bumm, Peng, Klonk, Zisch. Immer wieder.«

Digi­tal Ana­lo­ges mög­lichst gut abzu­bil­den, um es dann für viel mehr Musik­schaf­fende als frü­her nutz­bar zu machen, ist sowohl eine umfang­rei­che als auch nie zufrie­den stel­lende Auf­gabe.
Auf die digi­tale Musik­pro­duk­tion trifft dann wohl auch ins­ge­samt das Resü­mee Mau­rers bezüg­lich der Pro­duk­tion der 60s Drums zu:

»Immer­hin kön­nen wir sagen, dass alles so rea­lis­tisch wie mög­lich war.«

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  1. Analoges, Digitales und Pragmatisches | analog digital - [...] bezog mich auf Davids Ansicht (Musi­ker ver­las­sen sich manch­mal zu sehr auf die Wel­len­for­men ihrer Soft­ware, statt [...]

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