Ästhetischer Platten(an)bau

Ästhetischer Platten(an)bau

Vinyl muss man ein­fach gern haben. Sel­ten hört man eine nega­tive Reak­tion, wenn man jeman­dem von sei­ner Plat­ten­lei­den­schaft erzählt. In der Woh­nung neh­men meine schät­zungs­weise um die 1.000 Schei­ben (was eigent­lich wahr­lich nicht sehr viel ist) zwar schon ihren Raum ein, aber sel­ten wird ihre Aura als unan­ge­nehm emp­fun­den. Es ist also nicht so wie viel­leicht hier:

Vinyl Jun­kies I © Hol­ger Kist von hol­ger kist auf Vimeo.

Die Menge der eige­nen »Samm­lung« und die Ein­ord­nung die­ser, hängt stark vom Auge des Betrach­ters ab. Eigent­lich bin ich in vie­ler­lei Hin­sicht kein »wirk­li­cher« Samm­ler von Vinyl. Es gab zwar immer mal ein­zelne Gebiete – wie zum Bei­spiel alle Alben, die der ita­lie­ni­sche Kom­po­nist und Diri­gent Ennio Mor­ri­cone im Rah­men von Film-Soundtracks ver­öf­fent­licht hat – aber ansons­ten kaufe ich mir halt ein­fach die Musik, die ich haben möchte, auf dem Ton­trä­ger Schall­platte. So wie andere CDs oder MP3s wäh­len. Inter­es­san­ter­weise impli­ziert aller­dings eine gewisse Menge an Vinyl in den eige­nen vier Wän­den fast zwangs­weise einen Sam­mel­trieb. Bei vie­len Büchern spre­chen komi­scher­weise die wenigs­ten Men­schen davon, dass man ein Buch­samm­ler ist.

Marvin Gaye an der Wand und auf dem Plattenteller

Mar­vin Gaye an der Wand und auf dem Plattenteller

Da das Kau­fen von aktu­el­len Musik­ver­öf­fent­li­chun­gen schon aus­rei­chend ins Geld geht (ers­ter nega­ti­ver Fak­tor), habe ich mir per­sön­lich immer wie­der, je nach finan­zi­el­ler Situa­tion, Schwer­punkte gesetzt. Die Zei­ten, in denen ich mich auf Floh­märk­ten herum getrie­ben habe, sind vor­erst ebenso vor­bei, wie das Kra­men nach alten Soul- oder Jazz-Alben in Second Hand Plat­ten­lä­den. Hier spielt neben der nega­ti­ven Seite der Finan­zier­bar­keit auch ein wei­te­res Pro­blem mit her­ein (zwei­ter und eigent­lich letz­ter nega­ti­ver Fak­tor): Umzüge gestal­ten sich um ein viel­fa­ches ner­vi­ger, wenn man zusätz­lich zu allem ande­ren, wie Möbel, Küche, Krims­krams oder Büchern, noch 30-40 Kar­tons vol­ler Plat­ten immer wie­der »hin und her zieht«. Ich möchte gar nicht wis­sen, wie sich so etwas bei Men­schen aus­wirkt, die dem Typ »Kom­plett­samm­ler« ent­spre­chen. Allein des­we­gen lohnt es sich wohl, irgend­wann an einem Ort, genau an einem Fleck sess­haft zu werden.

Paul Mawhin­ney gilt als der­je­nige, wel­cher welt­weit die größte Plat­ten­samm­lung besitzt: unfass­bare drei Mil­lio­nen Schei­ben! Inner­halb eines wun­der­ba­ren, knapp acht Minu­ten dau­ern­den Videos, bekommt man die trau­rige Geschichte sei­ner Sam­mel­lei­den­schaft und neben­bei viel über das Kul­tur­gut Vinyl erzählt:

The Archive from Sean Dunne on Vimeo.

Da hier in dem Kon­text an ande­rer Stelle schon viel über Vinyl erzählt und geschrie­ben wurde, möchte ich mich nach­fol­gend einer beson­de­ren Eigen­schaft und Qua­li­tät zuwen­den. Der von mir gerne und häu­fig zitierte Bibo bringt es dies­be­züg­lich ein wei­te­res Mal auf den Punkt:

»Ich mag immer noch das For­mat der Platte, auch die Fülle an Infor­ma­tio­nen, die man mit sol­chen Covern ver­mit­teln kann. Von der visu­el­len Wir­kung ganz abge­se­hen. Bei einer CD ist es auch okay, aber eine Datei ist und bleibt eine Datei und die erzählt keine Geschichte«

Es ist die­ses Mehr an Infor­ma­tio­nen, was es zusätz­lich häu­fig so schön macht, mit einem neuen Album nach Hause zu kom­men. Aus­pa­cken und nach­schauen, was sich neben dem eigent­lich gekauf­ten, dem Trä­ger der Musik, noch in der Hülle ver­steckt. Wenn man seine Sachen »ord­nungs­ge­mäß« im Plat­ten­la­den um die Ecke ein­ge­kauft hat, weiß man das häu­fig schon – soweit man die Platte im Laden bereits offen vor­lie­gen hatte. Was sind denn für andere Vinyl­käu­fer die Gründe? Why do people collect Vinyl?

Why do people collect Vinyl von tyler­lagreen auf YouTube.

Zu einer Zeit, in der ich viel Hardcore- und Punk-Musik gehört habe, war ich in mei­ner Hei­mat­stadt Offen­bach, wo es einen Laden wie den Köl­ner Under­dog nicht gab, auf Bestel­lun­gen bei einem Mail­or­der ange­wie­sen: X-Mist Records bediente damals vor­züg­lich meine Gelüste.

Einige Plat­ten von damals höre ich immer noch gerne. Eine davon ist die Split 12-inch von Karp und Rye Coali­tion und die Erin­ne­run­gen an den dama­li­gen Kauf sind noch sehr prä­sent. Lei­der gibt es die Lie­der nicht kom­plett im Netz (bei YouTube als Video bei­spiels­weise), nur Schnip­sel auf Ama­zon. In »Roman­cing the ita­lian horn« ver­liebte ich mich damals sofort:

»Swing your daddy, rock your baby. The beat goes on. […] Up to you, your heart stands still. […] Rela­xing at Sugar Ryas, lol­li­pops and roses. […] Believe my love is true.«

Es war einer die­ser beson­de­ren Momente beim Kon­su­mie­ren von Kul­tur, in denen man sich sicher ist, gerade etwas ganz Beson­de­res zu erle­ben. Ich habe auf die erste Rille die­ses Songs unglaub­lich viele Male die Nadel mei­nes Plat­ten­spie­lers gesetzt. Soweit der Hör­ge­nuss. Was aber einen genauso gro­ßen Teil mei­ner Erin­ne­run­gen aus­macht und was immer mit dem Lied in Ver­knüp­fung steht, sind Cover und Textblatt.

Frontcover der Split 12-inch von Karp und Rye Coalition

Front­co­ver der Split 12-inch von Karp und Rye Coalition

Auf dem Cover grinst dem Betrach­ter ein klei­ner Junge ent­ge­gen, der sich ver­schie­dene Star Wars Action­fi­gu­ren mit einer Art Patro­nen­gür­tel um die Schul­ter geschnallt hat. Mir ergeht es häu­fig so, dass wenn ich bei Bands oder Künst­lern glei­che Inter­es­sen ent­de­cke, ich sogleich nicht nur einen Hauch mehr Sym­pa­thie emp­finde, son­dern eine Art Schul­ter­schluss voll­führe und der Tri­but, den ich ihnen zolle, wei­ter ansteigt. Die Namen der Bands sind mit­tels einer schön anzu­se­hen­den Typo­gra­phie geschrie­ben und mit­samt dem Foto auf einer wer­ti­gen gema­ser­ten Papp­hülle gedruckt. Es fühlt sich gut an und schaut gut aus – sehr wesentlich!

Backcover der Split 12``von Karp und Rye Coalition

Back­co­ver der Split 12-inch von Karp und Rye Coalition

Auf der Rück­seite der Platte schauen einen dann gleich zwei Jungs an – der eine als C-3PO, der andere als Darth Vader ver­klei­det. Es ging also noch wei­ter mit dem Star Wars Fan­dom. Inner­halb der Hülle war, wie frü­her eigent­lich fast immer, ein Blatt mit den Tex­ten beige­legt. Nichts Beson­de­res, ein­fach nur ein rotes Papier, auf das die eine Band hand­schrift­lich und die andere per Schreib­ma­schine ihre Lyrics abge­druckt hatte. Rye Coali­tion, die auch für »Roman­cing the ita­lian horn« ver­ant­wort­lich waren, haben ihre Texte auf der lin­ken Seite des Zet­tels posi­tio­niert, auf der rech­ten befin­det sich C-3POs Kol­lege R2-D2. Dadurch, dass er durch­sich­tig und nur mit Linien dar­ge­stellt ist, ergibt sich mit den Schreib­ma­schi­nen­let­tern ein stim­mi­ges Konstrukt.

Insert oder Beilage der Split 12``von Karp und Rye Coalition

Insert oder Bei­lage der Split 12»von Karp und Rye Coalition

Natür­lich hat mich mitt­ler­weile längst schon wie­der die Lust gepackt, mir die Platte anzu­hö­ren. Aber auch das Anse­hen hat Spaß gemacht, ganz so, wie der kleine Junge einem durch sein Lächeln sug­ge­riert. Als Datei auf dem Com­pu­ter hätte die­ser Ton­trä­ger nie­mals eine sol­che Bedeu­tung erlangt.

Mut­maße ich mal.

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